Die Wut auf die Grünen war eigentlich die Wut über das Platzen der Illusion, dass es immer so weitergehen kann wie bisher.
16 Jahre lang wurde der Gesellschaft das Morphen beigebracht – „Wir kriegen das schon irgendwie moderiert, beruhigt, verschoben, ausgesessen.“
Ein Land auf Beruhigungsmitteln.
Ein System auf Autopilot.
Politik als Temperaturmanagement, nicht als Richtungsentscheidung.
Und dann – nach anderthalb Jahrzehnten – Schlafliedern – wird plötzlich die Feuerwehrsirene gedrückt und man erwartet, dass alle hellwach, motiviert und voller Veränderungslust aufspringen.
Aber so funktioniert kein Mensch.
Wenn du jemanden 16 Jahre in Watte packst, darfst du dich nicht wundern, wenn er schreit, sobald die Watte weg ist und die Wirklichkeit kalt auf der Haut liegt.
Die Grünen waren nicht der Brandstifter, sie waren der Wecker.
Und niemand liebt den Wecker vor allem dann nicht, wenn man sich gerade erst so richtig ins Kissen gekuschelt hatte und dachte, es ginge noch ein bisschen so weiter.
Was jetzt als „Wut“ erscheint, ist vielleicht einfach der Entzug vom Gefühl der ewigen Betäubung: von der Illusion, Stabilität sei gleichbedeutend mit Bewegungslosigkeit.
Merkel hat das Land beruhigt – aber eben auch eingelullt. Und die, die nach ihr kamen, mussten der Gesellschaft plötzlich erklären, dass Stillstand kein Zustand war, sondern ein Kredit auf die Zukunft, der jetzt fällig wird.
Die Menschen fühlen keine politische Zumutung, sondern einen emotionalen Kontrollverlust:
Sie wollten weiterschlafen – und plötzlich steht jemand am Bett und zieht die Decke weg.
Vielleicht war die Wut nie wirklich politisch, sondern zutiefst menschlich.
Wir alle sind aufgewachsen mit dem Gefühl, dass morgen so aussieht wie gestern – nur ein bisschen bequemer, ein bisschen billiger, ein bisschen schneller. Und dann kam eine Zeit, in der plötzlich jemand sagte: „Es geht nicht mehr so.“
Nicht weil jemand es nicht will, sondern weil die Realität es nicht mehr hergibt.
Und das ist ein Schmerz, den viele bis heute nicht benennen können.
Es ist leichter, auf Parteien zu zeigen, als auf die eigene Sehnsucht nach einer Welt, die es so nicht mehr gibt.
Diese Wut über die Grünen, über „die da oben“ – vielleicht ist sie “ – eigentlich die Trauer darüber, dass wir uns von dem verabschieden müssen, was Sicherheit gegeben hat: dem Gefühl, alles würde schon gut gehen, wenn wir nur lange genug die Augen schließen.
Ich glaube, genau das ist der Moment, in dem eine Gesellschaft erwachsen wird: wenn sie merkt, dass Stillstand keine Option ist – und Veränderung -kein Angriff, sondern ein notwendiger Schmerz.